
Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Chirurgie 2011 – Heilen zwischen Ratio und Humanität – beim Verfassen dieses
Briefes ist der Kongress 2011 fast schon Geschichte geworden und beim Lesen
dieses Briefes denken Sie bereits an den präsidialen Wechsel. Der Kongress verlief
in einer ebenso optimistisch-harmonischen Atmosphäre, wie auch das Jahr als
Präsident inhaltlich geprägt war. Aufbruch zu neuen Ufern, Erneuerung, Innovation
bei gleichzeitiger Rückbesinnung auf alte Werte und Stärken der deutschen
Chirurgie. „Geh weiter“.
Der Himmel meinte es gut mit unserem Kongress. Mit der Eröffnung strahlender
Sonnenschein über München. Die intensive Vorbereitung durch alle chirurgischen
Disziplinen der MHH in einem Organisationskomitee, das Einberufen einer
Programmkommission mit Vertretungen aus dem Forum und allen deutschen
Fachgesellschaften brachte ein Programm hervor, das neben der Vielzahl der
Einzelveranstaltungen der Fachgesellschaften, Berufsverbände und
Arbeitsgemeinschaften die Thementage in den Mittelpunkt rückte. Erstmals haben
wir versucht, ganze Tage an einem Thema, das für alle Fachgesellschaften
einschließlich der Pflege von großem Interesse war, zu bündeln. „Abtrünnige“
Experimentalchirurgen wurden eingebunden, Pflege mit einem hochrangigen
Kongress fand eigenständige Vertretung. Mit dem Partnerland Ghana und einem
dunkelhäutigen Ehrenmitglied kam zusätzlich Farbe in das Programm. Ein eigenes
Lied für die Organspende, gemeinsam mit der Bundeszentrale für gesundheitliche
Aufklärung, neue Architektur im Ausflugsprogramm und zwei Chirurgen in einer
Badewanne des Bayerischen Hofs im wissenschaftlichen Streitgespräch. Life-Musik von Chirurgen zum Tanz für Chirurgen. Der Rekordbesuch von fast 5.500
Teilnehmern führte nicht nur zu sehr vielen, sondern – wie wiederholt ausgedrückt –
zu sehr qualifizierten Gesprächen in der ausverkauften Industrieausstellung. Positive
Stimmung allenthalben, dies trotz einiger kleiner Pannen. Was bleibt?
Es bleibt als erstes die gewonnene Erkenntnis, dass unsere Herausforderungen im
Alltag und zuhause nicht nur als Probleme gesehen werden, wenn wir uns und
unseren Nachwuchs auf den Kern unseres Auftrags fokussieren. Patienten helfen,
Kranke heilen. In der Chirurgie. Dieses Motiv ist stärker als jeder ökonomische Druck
und lässt sich hervorragend an unseren Nachwuchs vermitteln. Chirurgie ist
spannend, Chirurgie macht Spaß.
Der Thementag am Dienstag war dem chirurgischen Infekt gewidmet.
Wundinfektionen, Krankenhauskeime, Implantinfektionen und vor allen Dingen die
Gewissheit, dass die Forschung in Deutschland in der Chirurgie zu wenig Interesse
aber auch zu wenig Möglichkeiten hat. Das Statement zum Ende des Dienstags „Die
deutsche Chirurgie will in die Infektion in den nächsten 5 Jahren halbieren“ fand
großes Interesse in den Medien. Wir sind jetzt gehalten, dieses hohe Ziel
umzusetzen. Wir werden im Präsidium die richtigen Schritte unternehmen.
Eines ist bereits gelungen: Das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung muss neu
aufgelegt werden. Es muss ein neuer Antrag gestellt werden, in dem die „major
challenges“ adressiert werden sollen. Hierzu gehören unzweifelhaft die chirurgischen
Infektionen (Wunde, Implantat, Sepsis), so dass die deutsche Chirurgie jetzt
aufgerufen ist, in diesem nachzubessernden Antrag ihre Themen einzubringen. Dies
dürfte für die Chirurgen unseres Landes eine einmalige Möglichkeit sein, im Netz akute Forschung zur Vermeidung und zur Behandlung von Infektionen bei unseren
Patienten mit der notwendigen Drittmittelunterstützung durchzuführen.
Die deutsche Gesellschaft für Chirurgie fordert die Widerspruchslösung im neuen
Gesetzt, dies war das Statement am Ende des zweiten Thementages,
Transplantation. Der Auftritt von Frank-Walter Steinmeier hat diesem Thementag
eine besondere Note verliehen, verkörpert er doch mit seiner Lebendnierenspende
aus dem vergangenen Jahr bestens unser Motto „Heilen zwischen Ratio und
Humanität“. Aber auch die darauf gesetzten Themen der Zelltherapie und des Tissue
Engineerings als weitere Anwendungsgebiete im Gewebe- und Organersatz mit
Beispielen aus allen Fachgesellschaften zeigten einen großartigen Weg in die
Zukunft, ein außerordentlich wichtiges Forschungsfeld für die Chirurgie.
Die chirurgische Intensivmedizin, Thementag vom Donnerstag, führte nach intensiver
Diskussion mit Beteiligung abermals aus allen Fachgesellschaften zu zwei
wesentlichen Schlussfolgerungen:
Erstens muss sich die Chirurgie wieder mehr entsprechend der neu formulierten
Leitlinie aus der „Einheit der Chirurgie“ verantwortlich für den gesamten
Heilungsverlauf erklären. Dazu gehört eben auch die Intensivmedizin und gerade in
den schwierigen Entscheidungen um Therapiebegrenzung und Therapieabbruch
führte Eckhard Nagel einige hervorragende Beispiele für den dringend notwendigen
Einfluss des Chirurgen in diesen lebensentscheidenden Fragen für den Patienten in
der Intensivmedizin auf.
Als zweite wichtige Aussage galt, dass die Kooperation mit der Anästhesiologie und
Intensivmedizin wichtig ist und auch in Zukunft wichtig bleibt. Unabhängig davon muss die Chirurgie aber auch im Kontex interdisziplinär betriebener Intensivstationen
wieder mehr Verantwortung übernehmen.
Eingeleitet durch drei hervorragende Beiträge aus Fukushima, New Orleans und von
der Love Parade in Duisburg fand am Freitag der Thementag
„Katastrophenmanagement und Organisation von Notaufnahmen“ statt. Es wurden
gemeinsam mit der Bundeswehr und den deutschen Rettungsorganisationen sehr
eindrücklich die Schwachstellen im deutschen Rettungssystem benannt, falls es zu
größeren Katastrophen kommen sollte. Die Bearbeitung und die Verbesserung der
Kooperation an diesen Schnittstellen war so auch die wesentliche Forderung am
Ende des Tages.
In der Rückschau war die Fokussierung auf die Probleme dieser Thementage
erfolgreich. Die Gesamtheit der chirurgischen Fachgesellschaften konnte sich an
diesen vier übergeordneten Themen abgleichen in ihren Interessen, den Auftrag an
die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie vermitteln und jeweils ein Postulat für die
Öffentlichkeit am Ende des Tages entwickeln. Dieses Format bedarf weiterer
Hingabe, wenn in Zukunft vielleicht noch mehr Publikum aus den Gesamtteilnehmern
des Kongresses zur Anwesenheit motiviert werden soll.
So bleibt es Auftrag für das Präsidium der DGCH, sich die Themen „Infektionen in
der Chirurgie“, „Transplantationsmedizin“, „Intensivmedizin“ und
„Katastrophenmanagement einschließlich der Organisation und Struktur von
Notaufnahmen“ weiter intensiv zu bearbeiten. Die gemeinschaftlichen Auftritte aller
Fachgesellschaften an jedem Thementag haben aber auch gezeigt, wie wichtig der
Schritt zur Einheit der Chirurgie in Zukunft sein wird.
Die deutsche Chirurgie wird im Kontext koordinierter Wissenschaft und Forschung,
im Kontext der öffentlichen Diskussion, im Kontext des Gesundheitssystem und im
Kontext der politischen Diskussion nicht ausreichend Gehör finden, wenn wir den
Zusammenschluss aus Berufsverband und Fachgesellschaften in den nächsten 2
Jahren nicht befördern können.
Mein Vorgänger im Amt, Reiner Gradinger, und mein Nachfolger, Markus Büchler,
sind sich mit mir darin einig, dass dies vorrangigste Aufgabe in den letzten zwei
Jahren war und auch in Zukunft sein wird. Der Grundstein ist gelegt. Der Kongress
hat mit seiner Atmosphäre der Gemeinsamkeit und der Vielzahl von gemeinsamen
Veranstaltungen dazu beigetragen, dass es möglich sein sollte, die entsprechende
Struktur auf den Weg zu bringen.
Die vorrangigsten Inhalte dieses Zusammenführens sind mehrfach skizziert.
Aufbauend auf gemeinsamen Leitsätzen und mit der organisatorischen Umsetzung
einer erweiterten Geschäftsstelle mit zunächst drei wichtigen Themen, der
Forschung, der Öffentlichkeitsarbeit und der Nachwuchsarbeit sollen diese Reformen
so umgesetzt werden, dass die Deutsche Chirurgie zu neuen Ufern streben kann.
Geh weiter! Wenn der jetzt scheidende Präsident hierzu in seiner Amtszeit und mit
dem Kongress Einiges beitragen konnte, so scheidet er im Glück.
Univ.-Prof. Dr. A. Haverich
Präsident 2010/2011